... Das zwiespältige Gefühl über die Instrumentalisierung von Trachten durch konservative Ideologien und vor allem ihre Verwendung bei der Selbstinszenierung der Nationalsozialisten liefern einen Stein zu Schmiderers Mosaik, aber sein Interesse geht weiter: Er will nicht einfach Klischees bestätigen, sondern interessiert sich für Vielfalt und Wandelbarkeit der Bedeutung von Tracht.
… Insgesamt ermöglicht diese freie Herangehensweise aber einen ungewöhnlichen, hochinteressanten und frechen Dokumentarfilm. Wo sonst nur Information im Vordergrund steht, bietet „Stoff der Heimat“ fast hypnotischen Bildgenuss und regt dennoch zum Nachdenken an.
… Dirndl, Lederhose, Janker, Wadlstrümpf - an der Tracht scheiden sich die Geister. Doch Identität stiftet sie allen und allen bietet sie Heimat: der Modedesignerein, die englische Vorhangstoffe verarbeitet, der Künstlerin, die die Dirndl-Moschee erfindet; den Schwuhplattlern und den Schützenvereinen. Zu Beginn entdeckt Schmiderer die Bekenntniskleidung in der Ecke der konservativen Politik, die sie zu niederen manipulativen Zwecken einsetzt. Dort holt er sie sodann heraus und setzt zum Streifzug an. Quer durch die Milieus, quer durch die Geschichte, quer durch die Regionen. Vergnüglich und schön anzusehen.
... Auf dem Weg vom Stereotyp zum Marginalen deckt der Film einiges an Unbekanntem um Trachten auf – ob es das Faible von Homosexuellem für die Krachlederne, ein Dirndl als Moschee oder eine verschüttete jüdische Aneignung von Trachten ist.
… Stoff der Heimat dient der politischen Bewusstmachung, nicht dem ideologischen Verurteilen. Und dem Vorverurteilen schon gar nicht. Er wird genau deshalb nicht nur aus dem Eck der Trachten-Hardliner keine Standing Ovations bekommen. Auch das ist gut so.